Mike Svoboda spielt neu entdeckte Werke von Hans Schönthal (1896-1937)

14.12.2011 09:09

hans schönthal

Die Hans-Schönthal-Gesellschaft präsentiert das Schaffen eines aussergewöhnlichen Schweizer Komponisten und Dichters. Die Kammerphilharmonie Graubünden spielt unter der Leitung von Sebastian Tewinkel mit Mike Svoboda (Posaune) und Andri Perl (Sprecher). Die Konzerte sind am 16.12. in Staefa und 17.12. in Chur.

Ein einziges publiziertes Gedicht  gibt es von Hans Schönthal (1896-1937). Es erschien post mortem in einer Anthologie, die wohl mehr für den engen Bekanntenkreis des Herausgebers Alfons Müller-Konradi angelegt war und nur in wenigen Dutzend Exemplaren verlegt wurde. Bei der Untersuchung dieser Anthologie mit dem Titel „Der Almanach des Insgesamten“ (Basel, 1962) wirkte dieses eine Gedicht „Der glühende Berg“ aber derart stark auf den Germanistikstudenten und Schriftsteller Andri Perl, dass er sich auf die Spurensuche nach Hans Schönthal begab. Im Staatsarchiv des Kantons Bern fand sich beinahe die vollständige Korrespondenz von Schönthals Mutter, mittels derer sich Hans Schönthals Biographie samt einem Bezug zu Johannes Brahms rekonstruieren liess. Ein Handschriftenvergleich erlaubte danach die Zuordnung von mehreren unsignierten Kompositionen aus dem Nachlass von Alfons Müller-Konradi, die im Archiv des musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Basel lagerten. Mike Svoboda, Professor für Posaune und zeitgenössische Kammermusik an der Hochschule für Musik Basel, untersuchte Schönthals Kompositionen, wovon einige für Soloposaune geschrieben sind, und kam zum Schluss, dass der Berner Oberländer Hans Schönthal als verkannter Avantgardist unbedingt einem breiteren Publikum bekannt gemacht werden müsste. Zusammen mit Andri Perl rief er zu diesem Zweck die Hans-Schönthal-Gesellschaft ins Leben. Von den gemeinsamen Bekannten Beat Fehlmann und Sebastian Tewinkel erfuhr die Gesellschaft bald Unterstützung, sodass der Kammerphilharmonie Graubünden nun die Ehre zufällt, fünf Stücke von Hans Schönthal als Uraufführung zu präsentieren. Mike Svoboda spielt dabei die Soloposaune, Andri Perl führt zwischen den Stücken in Leben und Werk von Hans Schönthal sowie die Tätigkeit der Hans-Schönthal-Gesellschaft ein.

Präsentierte Werke von Hans Schönthal:
1. Maischall (1924)
für Posaune und 11 Instrumente

2. Der Hauch, der Wind, der Sturm (nach drei Liedern von Johannes Brahms) (1913)
für Streicher und Posaune

3. Millionen Cristalle (1916)
für Sprecher, Posaune und Orchester

4. Nächtens (1928)
für Sprecher, Posaune und Kammerorchester

5. ’s himmeltruurig Stückli (1936)
für Sprecher, Posaune und Orchester

Vita Hans Schönthal (1896-1937)
Der Schreiner Johann Spring ist stolz auf seinen berühmten Gast: In den Sommern 1886 bis 1888 logiert Johannes Brahms in seinem Haus in Hofstetten bei Thun. Der Meister nutzt seine Aufenthalte am Thunersee zu konzentrierter Kompositionsarbeit und verdankt die unaufgeregte Gastfreundschaft jeweils mit einigen privaten Konzertabenden im Hause Spring, denen u.a.  Brahms’ guter Freund, der Berner Journalist Joseph Victor Widmann, aber auch Springs Nachbarn, die Familie Zumkehr, beiwohnen dürfen. Die zehnjährige Nachbarstochter Clara (genannt Clärli) Zumkehr ist tief beeindruckt von diesen Abenden,  ihre Freizeit widmet sie von nun an erst recht dem Klavierspiel. Brahms’ Klavierkonzerte werden zur Aufgabe ihrer Jugend. Auch während der Lehre zur Schneiderin übt sie bei Nachbar Spring. Fast zehn Jahre später lässt es sich Clärli Zumkehr deshalb nicht nehmen, sich von einer Tante in Zürich zur Einweihung der neuen Tonhalle am 19. Oktober 1895 einladen zu lassen, wo Brahms auf Einladung sein „Triumphlied“ dirigiert. Der Wunsch, Brahms wiederzusehen ist so stark, dass es Clärli Zumkehr gelingt, sich in Begleitung eines Orchestermusikers Zutritt zum Festbankett zu erschleichen. Gemäss eines Briefs, den sie an die Mutter schreibt, wird sie von Brahms sogleich wiedererkannt. Der Abend muss in grosser Vertraulichkeit geendet haben. So jedenfalls erklärt Clärli Schönthal ihrer Familie die plötzliche Schwangerschaft. Aus Angst, von den Eltern verstossen zu werden und ihr Kind in die Obhut der Vormundschaftsbehörden geben zu müssen, willigt sie in die Heirat mit dem verwitweten und kinderlosen Metzger Anton Schönthal ein. Am 12. August 1896 kommt Clärlis Sohn Hans zur Welt. Was wir über sein Leben wissen, erfahren wir vor allem aus der Korrespondenz seiner Mutter.

Stiefvater Anton ist zwar nicht bereit, Geld für Klavierlektionen aufzuwerfen, sodass Clärli ihrem Sohn das Klavierspiel beibringt — er lernt es wie sie im Hause von Johann Spring. Schon früh aber nimmt ihn der Metzgermeister, der sehr zur Leutseligkeit neigt, mit an die Probeabende der Vaterländischen Blaskapelle Thun, die 1919 in der Thuner Unionsmusik, dem heutigen Musikverein Thun aufgeht. Anton Schönthal spielt die Posaune und Hans, kaum 9jährig beweist sehr bald ausserordentliches Geschick auf dem stiefväterlichen Instrument. 1910, als Anton Schönthal stirbt, schreibt Hans bereits erste kleine Kompositionen.  Erst nach dem Tod ihres Mannes eröffnet Clärli ihrem Sohn ganz im Vertrauen, dass dieser nicht sein leiblicher Vater gewesen ist. Auch Hans gegenüber beteuert sie, Johannes Brahms sei sein Vater. (Die Korrespondenz mit ihrer Tante in Zürich lässt hingegen erahnen, dass auch der namentlich unbekannte Violinist des Tonhalle-Orchesters, der sie in den Festsaal einschleuste, für die Vaterschaft in Frage kommt.) Hans Schönthal beschäftigt sich seither jedenfalls nahezu obsessiv mit seinem vermeintlichen Vater Johannes Brahms, ohne jedoch nach aussen je die Gründe dafür zu nennen.

Nach einer Lehre bei der Berner Kantonalbank in Thun, der Rekrutenschule und dem Aktivdienst in der Militärmusik kommt Hans Schönthal 1916 nach Zürich, wo ihm seine Grosstante eine Stelle bei der Niederlassung des Schweizerischen Bankvereins verschafft. Schönthal verkehrt wohl im Kreis der Dadaisten, auch im Cabaret Voltaire, scheut sich aber, die in dieser Zeit entstehenden dadaistisch angehauchten Kompositionen (erstmals verfasst er auch selber Texte) vor Publikum vorzutragen. Immer wieder in Zürich auf Familienbesuch weilt der junge Komponist Arthur Honegger, der am Pariser Konservatorium studiert. Honegger und Schönthal müssen sich spätestens 1919 begegnet sein. Auch wenn diese Begegnung Honegger kaum in Erinnerung bleibt, löst sie bei Schönthal grosse Bewunderung aus. Immer wieder taucht Honeggers Name in Briefen an Clärli Schönthal auf. Hans reist 1921 ins Waadtland, um den ersten Aufführungen des Roi David in Mézières beizuwohnen, ein Erlebnis, das ihn darin bekräftigt bei seinen eigenen Kompositionen den Blechbläsern weiterhin Vorrang einzuräumen. Grossen Einfluss auf Schönthals Schaffen nahmen auch die Werke Igor Strawinskys. Kein Zufall: Strawinksy lebte von 1910 bis 1920 in Clarens und Lausanne, das sich in dieser Zeit über manche Uraufführung freuen durfte. Aus Schönthals fanfarenartigem Maischall (1924) für Bläser und Posaune lassen sich leicht Anlehnungen an das Oktett für Bläser von Strawinsky heraushören.

Im selben Jahr macht Schönthal, beim Bankverein inzwischen zum Privatkundenberater befördert, eine wegweisende Bekanntschaft: Joe May, der in den Kriegsjahren vom Regisseur simpler Detektivfilme zu einem der wichtigsten Berliner Filmproduzenten aufgestiegen ist. Er überredet den schüchternen, doch intelligenten Schönthal nach einem Beratungsgespräch, seine Stelle in Zürich aufzugeben und ihm als Buchhalter in die May-Film AG zu folgen. May (mit bürgerlichem Namen Julius Otto Mandl) betreibt ausserhalb Berlins in Woltersdorf eine eigene Filmstadt. Schönthal fühlt sich angelockt von der Vorstellung einer lebendigen, avantgardistischen Berliner Filmszene, die Werke wie Das Cabinet des Dr. Caligari hervorgebracht hat. Umso grösser ist die Enttäuschung über den künstlerischen Gehalt der meisten Filme von Joe May. Hans Schönthal hegt zwar zwischendurch ein eigenes Filmprojekt (neben der Partitur schreibt er auch eine Art Storyboard zu Nächtens), doch es fällt 1928 in die Zeit der Umstellung auf den Tonfilm. Die Reaktion des Publikums, das nun keine Erzähler und Musik, sondern Dialog nach Dialog hören möchte, lässt Schönthal von seiner Idee abkommen. Er verdient nicht schlecht, arbeitet viel. Gesellschaftlich kommt Schönthal nie richtig an in Berlin, einzig von einer Freundschaft mit der erfolglosen Schauspielerin Britt Runefeld berichtet er seiner Mutter. Dennoch bleibt Schönthal 9 Jahre der Buchhalter von Joe May, erst als dieser nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in die Emigration gezwungen wird (er versucht sich in Hollywood), kehrt der Berner Oberländer in die Schweiz zurück.

In Basel findet er neuerlich eine Anstellung beim Bankverein, wo er einen seiner wenigen Freunde kennen lernt. In Alfons Müller-Konradi, einem Kollegen auf seiner Abteilung, findet er erstmals einen ernsthaften Anhänger seiner Kunst. Gerade dass sich Schönthal nach den Jahren in Zürich und Berlin auf die volkstümliche Musik und Sagenwelt seiner Kindheitstage zurückbesinnt, trägt ihm Müller-Konradis Sympathien ein. Nicht ohne kritische Distanz begibt sich Schönthal in dieses Feld. Die Stücke müssen, gemäss einer Tagebuchnotiz Müller-Konradis, als Replik auf die heimattümelnden und sehr beliebten musiktheoretischen Schriften von Alfred Leonz Gassmann zu verstehen sein. In Zur Tonpsychologie des Schweizer Volkslieds postuliert dieser beispielsweise einen Zusammenhang zwischen der Topographie der Alpen und den Volksliedmelodien. Müller-Konradi ist es zu verdanken, dass von Hans Schönthal wenigstens ein Bruchteil seines Schaffens erhalten ist. In seinem kürzlich erst literaturwissenschaftlich untersuchten Almanach des Insgesamten findet sich ein kurzes Gedicht von Schönthal. Es hat den Hinweis geliefert auf einige nicht signierte Werke in Müller-Konradis Nachlass im Archiv des musikwissenschaftlichen Instituts der Universität Basel.

In den Basler Jahren scheint sich Hans’ psychischer Gesundheitszustand stetig zu verschlechtern. Auch Müller-Konradi vermag seine Selbstzweifel nicht zu verringern und die Basler Uraufführung von Béla Bartòks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta unter Paul Sacher am 21. Januar 1937 empfindet der verunsicherte Amateur als Bestätigung seiner eigenen Nichtigkeit. Nur drei Wochen später erreicht ihn die Nachricht vom Tode seiner kranken Mutter, mit der er bis zuletzt in intensivem Briefkontakt steht. Er reist nicht zum Begräbnis nach Thun, sondern stürzt sich in den eiskalten Rhein. Am 15. Februar wird seine Leiche bei Breisach gefunden.

Andri Perl, Herbst 2011 


Zurück